Aufbruch in schwierige Zeiten
Die 1980er Jahre waren für den deutschen und österreichischen Wein keine leichte Zeit. Kurz vor Weihnachten 1984 wurde in Wien eine anonyme Probe bei einer Untersuchungsanstalt abgegeben. Wenig später bestätigte sich der Verdacht, die Flüssigkeit enthielt Diethylenglykol, einen chemischen Zusatz, der wenig später als Synonym für den sogenannten Weinskandal in die Geschichte einging. Nur wenige Monate später erreichte die Affäre auch Deutschland. Das ohnehin fragile Image des deutschen Weins, geprägt von süßen Massenweinen, erlitt damit einen weiteren schweren Schlag.
Doch ausgerechnet in dieser dunkelsten Stunde des deutschen Weinbaus wurde im Rheingau ein neues Kapitel aufgeschlagen. Fünf engagierte Persönlichkeiten aus Weinbau und Forschung, Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau vom Weingut Schloss Vollrads, Dr. Hans Ambrosi vom Staatsweingut Kloster Eberbach, Bernhard und Heinrich Breuer vom Weingut Georg Breuer sowie Prof. Dr. Helmut Becker vom Geisenheimer Institut für Rebenzüchtung, gründeten 1984 in Geisenheim die Vereinigung CHARTA. Ihr Ziel war es, dem angeschlagenen Ruf des deutschen Rieslings ein neues, qualitätsbewusstes Gesicht zu geben.
Eine Idee mit Strahlkraft
Die CHARTA-Winzer wollten einen einheitlichen, verbindlichen Qualitätsrahmen für Rheingauer Riesling schaffen. Es ging ihnen nicht nur darum, bessere Weine zu keltern, sondern Herkunft, Stil und Typizität für die Konsumentinnen und Konsumenten klar erkennbar zu machen. Das Konzept funktionierte rasch, die Vereinigung wuchs schnell auf rund 50 Mitgliedsbetriebe an.
Diese Idee eines herkunftsbezogenen, qualitätsgeprüften Weins wurde später an vielen Orten aufgegriffen und weitergeführt. In Österreich mündete ein ähnlicher Gedanke Jahre danach in die DAC-Regelungen, in Deutschland legte die CHARTA selbst den Grundstein für die späteren VDP-Klassifikationen Erstes Gewächs und Grosses Gewächs.
Die CHARTA-Kriterien
Das begehrte CHARTA-Siegel mit dem charakteristischen romanischen Doppelbogen darf nur jener Wein tragen, der den verbindlichen Qualitätskriterien der Vereinigung entspricht. CHARTA-Weine stammen ausschließlich aus den besten Lagen des Rheingaus und werden zu 100 Prozent aus vollreifen Rieslingtrauben gekeltert. Um die Typizität des Geschmacksbildes sicherzustellen, müssen sich die Weine zusätzlich einer strengen Blindverkostung durch eine Prüfungskommission stellen. Verkauft werden darf ein CHARTA-Wein frühestens ab dem 1. September des Jahres, das auf die Ernte folgt, was den Weinen ausreichend Zeit zur Reife auf der Flasche gibt.
CHARTA damals und heute
Als sich die CHARTA-Vereinigung 1984 gründete, war das ein Akt der Selbstbehauptung. Sie wollte beweisen, dass deutscher Wein mehr kann als opulente Restsüße, und ein neues Bewusstsein für Terroir, Weinstil und Qualität schaffen. Mit diesem Anspruch wurde die CHARTA zur Wegbereiterin eines modernen Qualitätsverständnisses im deutschen Weinbau.
Heute, vier Jahrzehnte später, ist die Grundidee dieselbe geblieben, ein klassischer, trockener Rieslingstil, der auf opulente Süße verzichtet und stattdessen Herkunft und Qualität in den Vordergrund stellt. Mit ihrer Struktur und den moderaten Alkoholwerten treffen CHARTA-Rieslinge exakt jenen Weinstil, der in der Weinwelt gerade wieder stark nachgefragt wird, und das zu einem überraschend erschwinglichen Preis.