Ein mit Kuhmist gefülltes Hornrind wird im Herbst vergraben und im Frühjahr wieder ausgegraben, der Rebschnitt richtet sich nach dem Mondkalender, und der Weingarten gilt als lebendiger Organismus. Biodynamischer Weinbau klingt für viele zunächst nach Esoterik, wird aber gerade von renommierten Weingütern weltweit zunehmend ernst genommen.
Was ist biodynamischer Weinbau
Biodynamischer Weinbau baut auf den Regeln des biologischen Weinbaus auf, geht aber noch deutlich darüber hinaus. Grundgedanke ist, den Weinbaubetrieb als geschlossenen, lebendigen Organismus zu verstehen, in dem Mensch, Tier, Pflanze und Boden im Einklang miteinander und mit kosmischen Rhythmen wirken.
Statt künstlicher Dünger oder chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel kommen sogenannte biodynamische Präparate zum Einsatz. Das bekannteste ist der Hornmist, bei dem ein Kuhhorn mit Mist gefüllt und über den Winter im Boden vergraben wird, bevor es im Frühjahr wieder ausgegraben, mit Wasser verrührt und im Weingarten ausgebracht wird.
Ergänzend kommen Kompostpräparate aus Brennnessel, Kamille, Schafgarbe oder Löwenzahn zum Einsatz, die den Boden stärken und beleben sollen. Auch Mondphasen und kosmische Konstellationen spielen eine Rolle, viele biodynamisch arbeitende Winzerinnen und Winzer richten Rebschnitt, Ernte und Kellerarbeiten nach einem eigenen biodynamischen Kalender aus.
Geschichte der Biodynamie
Die Wurzeln der Biodynamie reichen bis ins Jahr 1924 zurück. Der österreichische Anthroposoph Rudolf Steiner, der in Wien Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie studiert hatte, hielt auf Einladung besorgter Landwirte im schlesischen Koberwitz bei Breslau eine Vortragsreihe mit dem Titel Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. Rund 100 bis 130 Landwirte, Gärtnerinnen und Lehrer nahmen daran teil, die Mitschrift der acht Vorträge gilt bis heute als Gründungsdokument der biodynamischen Bewegung.
Bereits 1927 gründeten anthroposophisch arbeitende Landwirte in Deutschland die Vorläuferorganisation von Demeter, benannt nach der griechischen Göttin des Ackerbaus. Für Wein selbst gibt es die Demeter-Zertifizierung allerdings erst seit 2009.
Im Weinbau speziell entstand 2007 mit respekt-BIODYN ein eigener, ausschließlich auf Wein fokussierter Verband, gegründet von zwölf österreichischen und einem Südtiroler Weingut.
Wie sich biodynamischer Weinbau auf den späteren Wein auswirkt
Anhängerinnen und Anhänger der Biodynamie berichten von vitaleren, widerstandsfähigeren Reben, die gerade in schwierigen Jahrgängen mit extremen Wetterbedingungen besser zurechtkommen als konventionell bewirtschaftete Vergleichsflächen.
Viele Winzerinnen und Winzer beschreiben den Effekt als lebendigere, energetischere Ausprägung des Terroirs im Glas, mit klarerem Fruchtausdruck und mehr Trinkfluss. Auf die Qualität und den Stil wirkt sich das häufig ganz konkret aus, die geförderte Bodenvitalität und die tiefer wurzelnden, robusteren Reben sollen zu geringeren, aber konzentrierteren Erträgen führen, was Weinen mehr Dichte, Mineralität und Extrakt verleihen kann.
Viele biodynamisch arbeitende Betriebe berichten außerdem von einer ausgeprägteren Sortentypizität und einer klareren Lagenspezifik im fertigen Wein, da weniger technische Eingriffe im Keller die ursprüngliche Handschrift von Boden und Klima überdecken. Stilistisch zeigen sich biodynamische Weine deshalb häufig als besonders authentisch und lagenbezogen, mit spürbarer Frische und einem eher gewachsenen als gemachten Charakter.
Die strengeren Regeln der biodynamischen Verbände wirken sich auch direkt auf die Kellerarbeit aus. Demeter Österreich erlaubt beispielsweise ausschließlich Spontangärung mit hofeigenen Hefen, verbietet tierische Schönungsmittel wie Gelatine vollständig, wodurch entsprechend zertifizierter Wein automatisch vegan ist, und begrenzt den Kupfereinsatz auf maximal drei Kilogramm pro Hektar und Jahr im Fünfjahresschnitt.
Warum Biodynamie in Zukunft immer wichtiger wird
Der Klimawandel setzt Weingärten zunehmend unter Stress, extreme Hitze, Trockenheit und Starkregenereignisse verlangen nach widerstandsfähigen, gesunden Böden mit intakter Mikroorganismenvielfalt, genau das versprechen biodynamische Methoden zu fördern.
Österreich zählt beim biologischen und biodynamischen Weinbau bereits heute international zur Weltspitze, mehr als drei Prozent der gesamten heimischen Rebfläche werden biodynamisch bewirtschaftet, bei den Bio-Flächen insgesamt sind es sogar rund 22 Prozent. Seit 2017 hat sich die biodynamisch zertifizierte Fläche in Österreich verdoppelt, ein klares Zeichen für den wachsenden Zuspruch der Branche. Mit zunehmendem Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei Konsumentinnen und Konsumenten dürfte sich dieser Trend in den kommenden Jahren weiter fortsetzen.
Woran man biodynamischen Wein erkennt
Seit Juli 2010 dürfen Weingüter innerhalb der EU nur dann von biologischer oder biodynamischer Wirtschaftsweise sprechen, wenn eine entsprechende Zertifizierung tatsächlich vorliegt. Am zuverlässigsten erkennt man biodynamischen Wein deshalb am Zertifizierungssiegel auf dem Etikett.
Die wichtigsten Verbände sind Demeter, mit aktuell 68 österreichischen Weinbaubetrieben, sowie respekt-BIODYN, mit 21 österreichischen Mitgliedsbetrieben und weiteren Mitgliedern in Deutschland, Italien, Slowenien und Ungarn. International bekannt ist zudem der französische Verband Biodyvin. Jedes dieser Siegel garantiert eine unabhängige, jährliche Kontrolle durch externe Prüfstellen.
Eigene Meinung
Biodynamischer Weinbau ist definitiv eine ernstzunehmende, zukunftsweisende Wirtschaftsweise mit messbaren Vorteilen für Boden und Rebe. Ob der spirituelle Unterbau der Mondphasen und kosmischen Rhythmen für jeden nachvollziehbar ist, sei dahingestellt, die Qualität im Glas spricht bei vielen biodynamischen Weingütern aber eindeutig für sich.